Der Schatten der Sterne

Ein Schatten sprang durch die Wälder, flüchtete sich zwischen Ästen und hinter Büschen, um kurz darauf wie ein Sturmwind wieder aufzutauchen. Der Schatten sprang durch strahlendes Mondlicht, welches offenbarte, dass es eine Wölfin war, die über das Laub hastete. Ihr silbergraues Fell fing hier und da ein Blatt ein, um es kurz darauf wieder an den Wind zu verlieren. Tiere blieben ängstlich in den flüchtenden Schatten zurück. Doch die Wölfin befand sich nicht auf der Jagd. Sie sprang über Felsen und Gräben hinweg, folgte einem Pfad, den außer ihr nur wenige kannten. Schließlich sah man sie aus dem Schatten des schützenden Waldes auf eine im Mondlicht silbern glänzende Lichtung springen. In dem Moment, als ihre Vorderläufe den Boden der Lichtung berührten, verwandelte sie sich in eine wunderschöne Menschenfrau. Einen Augenblick lang blieb sie inmitten des Laubes hocken. Die lange und anstrengenden Jagd durch das Dickicht war ihr nicht anzumerken, als sie sich langsam erhob und ruhig atmend ein einziges Wort sprach: „Gihana.“ Nichts geschah. Nur das Licht des Mondes schien geduldig auf die Welt hinab, bis eine sanfte Brise, einem Sommerwind gleich, sachte über ihre unbedeckte Haut strich. Ihr hüftlanges Haar wehte, als ob es selbst nicht viel mehr wöge als die Luft. Sie schloss ihre Augen und hörte dem Flüstern zu, das der Wind zu ihr trug.
„Was ist dein Begehr Toidallah Späherin der Nacht?“
Die junge Frau öffnete wieder die Augen. Vor ihr schwebte die halb durchsichtige Gestalt eines Wesens, das mit seiner Größe an die höchsten Bäume erinnerte, mit den Händen den Wind zu führen schien und mit den Augen Leben gab.
„Gihana. Beschützerin des Waldes“, sagte die junge Frau und verneigte sich leicht, „Dem Wald droht große Gefahr. Ihr müsst etwas unternehmen, bevor es zu spät ist, die Bäume ihre Blätter abwerfen und alles Leben vergeht.“
Für einen Moment lag Stille über der Lichtung und nur das lange, grün schimmernde Kleid der Waldgöttin bewegte sich sanft in einem Wind, den kein normal sterbliches Wesen zu spüren vermochte.
„Was könnte das für eine Gefahr sein, von der du in solchen Worten sprichst?“
„Ich habe gesehen, wie ein Stern aus den Reihen der Himmelslichter fiel. Er verdeckte alles und nahm den ganzen Himmel für sich in Anspruch. Dann rauschte er als großer Schatten über die Wipfel der Bäume hinweg und Kälte und Finsternis bereitete sich aus. Er versuchte uns die Luft zum Atmen zu nehmen, nur dem Wind verdanke ich es, noch am Leben zu sein.“
Wieder kehrte Stille ein, bis aus weiter Ferne der Ruf einer Eule erklang. Mit der Ungeduld, die allen jungen Leben innewohnt, wartete Toidallah auf eine Antwort der weisen Frau. Unruhig verlagerte sie ihr Gewicht von einem auf das andere Bein. Die Beschützerin hatte doch bisher für jede Bedrohung eine Lösung gefunden. Sollte das diesmal anders sein?
„Gehe zu dem gefallenen Stern und frage ihn nach seinem Schatten“, sagte Gihana und schenkte der jungen Frau dabei ein Lächeln. Es war so lieblich, dass es Geborgenheit und Schutz vor allen Gefahren versprach. Dennoch regten sich leichte Zweifel in der Wolfsfrau. Das war wohl auch in ihrem Gesicht zu sehen, denn Gihana nickte ihr noch einmal bestätigend zu. Toidallah war jedoch noch mehr verwirrt: „Man kann Sterne etwas fragen?“
„Du kannst die Sterne befragen, wie du den Baum befragst, der in seinem langen Leben schon viel gesehen hat. Oder wie du den Fuchs befragst, der dir Schleichwege zu allen Winkeln des Waldes zeigen kann.“
Toidallah überlegte, wie ein Stern sprechen könne. Ihr fiel dazu keine Lösung ein, doch sie vertraute der Göttin des Waldes und ihrer Weisheit. So bedankte sie sich kurz und sprang mit einem kräftigen Sprung von der Lichtung zurück in den Wald. Dabei verwandelte sie sich wieder in einen Wolf.

Ihre Läufe trugen sie geschwind über Äste und Steine. Während sie die Bäume umflog, wie ein Vogel die Berge umfliegt, elegant und mühelos, fragte sie sich, wie ein Stern wohl vom Himmel fallen könnte. Diese Lichtpunkte in der Nacht, die schimmerten wie weit entfernte Augen, schienen doch am Himmel so festzustehen, dass nichts und niemand es vermochte sie von dort herunterzuholen. Dennoch: Eines Tages, es mag vielleicht zehn Monde her gewesen sein, war sie bis zum Waldrand gegangen und als sie dort die Sonne beim Untergehen beobachtet hatte, waren ein paar Sterne aus dem Nichts aufgetaucht und quer über den Himmel gefallen, bis sie verglühten. Sie hatte es als einen schönen, aber auch traurigen Anblick betrachtet. Zu dem Zeitpunkt hatte sie sich weder gefragt, warum die Sterne fielen, noch was ihre Absichten sein mochten.
Sie sprang über einen kleinen Bach hinweg, der sich durch den Waldboden schlängelte.
Dieses Mal war es anders gewesen. Wie jeden Abend hatte sie auf dem großen Wolfsfelsen gelegen und auf den Aufgang des Mondes gewartet. Als die Nacht schon fortgeschritten war und die Sterne zahlreich am Himmel funkelten, waren sie plötzlich überstrahlt worden. Nur wenige Momente später war der fallende Stern dicht über ihr gewesen, seine Hitze hatte nach ihr gegriffen und wollte sie verbrennen. Nur ein unerwarteter kräftiger Windstoß hatte sie im letzten Moment beiseite gestoßen. Der Stern selbst war mit lautem Donnern und hell lodernden Flammen auf den Wald unter dem Berg zugestürzt. Damit waren seine Absichten doch klar.
Gihana hatte ihr aufgetragen mit dem Stern zu reden. Und wieder fragte sich, wie ein Stern sprechen mochte. Ob er einen Mund hatte, wie die meisten Tiere? Oder konnte er sich schütteln, wie ein Baum? Rauschen wie ein Bach? In ihr steig Aufregung empor, als sie auf einen Felsen sprang und dort kurz verharrte, um die Richtung, in die sie nun musste, ausfindig zu machen. Sie hoffte, der Stern wäre nicht so mitteilsam wie ein Fels. Denn sonst könnte es ewig dauern, bis sie etwas erfahren würde. Sie sprang hinunter, beschleunigte ihren Lauf und wieder flogen die Äste und Blätter an ihr vorbei, rauschte der Wind in ihrem Fell. Zu der Neugierde mischte sich nun erneut Angst. Was wenn der Stern gekommen war, die Bäume zu verbrennen und die Tiere zu jagen? Was, wenn dieser Stern eine Spur der Verwüstung legen wollte, wie es die Menschen manchmal taten, wenn sie neue Wiesen und Felder brauchten? Auch wenn Gihana nicht besorgt zu sein schien, Toidallah hatte gelernt, dass Schatten immer böses brachten.
In ihren Gedanken sah sie, wie der Wind Asche um die kläglichen Reste der einst so stolzen Bäume wehte. Wie er alles, was ihr lieb und teuer war, verwehte in eine Wüste aus Staub und Hoffnungslosigkeit. Sie sah die Skelette toter Tiere in der Asche untergehen und sich selbst über all dem stehen und einen Fluss mit ihren Tränen füllen.
Toidallah war so in diese düsteren Gedanken versunken, dass sie die Veränderungen um sich herum erst spät bemerkte. In diesem Teil des Waldes war es still geworden. Viel zu still. Sollten sich ihre Gedanken etwa so schnell bewahrheiten? Waren die Tiere schon gestorben? Der Wind säuselte durch das Blätterdach, während sie ihre Schritte verlangsamte. Schließlich bewegte sie sich lautlos. Die vielen frischen Spuren im Boden zeigten ihr, dass die Tiere in Angst geflohen waren.

Nur einige Schritte vor ihr lag eine Lichtung, die beim letzten Mond noch nicht da gewesen war. Bäume waren umgeknickt und lagen kreuz und quer am Boden. Äste, die sich kaum noch halten konnten, knarrten im Wind, der durch die neue Öffnung in den Wald drang. Aus der Mitte des Chaos stieg Qualm auf. Toidallah erschrak. War es zu spät? Hatte der Stern schon seinen Zug der Zerstörung begonnen? War dies das erste Zeichen des Feuers, das den Wald verbrennen würde?
Sie konnte aus der Sicht des Wolfes nur schlecht einen Überblick gewinnen. Also setzte sie sich und im Mondlicht, das unbekümmert aller Sorgen schien, verwandelte sie sich wieder in eine Frau. Toidallah erhob sich langsam. Erst als sie aufgestanden war, stellte sie erleichtert fest, das kein Feuer ausgebrochen war. Es stieg zwar Rauch auf, doch kam er nur von dem gefallenen Stern. Sie hatte erwartet, dass der Stern ebenso sanft leuchten würde, wie die Sterne am Himmel, doch dieser Stern war grau und schwarz. Trotzdem ging von ihm eine gewaltige Hitze aus, die den Boden um den Ort seines Aufschlags verbrannt hatte. Die junge Frau wich ängstlich noch einmal einen Schritt zurück.
Als sie ihn eingehend betrachtete, entdeckte sie Ähnlichkeiten zu Dingen, die sie kannte. Der Fels sah so gewöhnlich aus, wie ein jeder anderer Fels, den sie im Wald sehen konnte. Und doch versprühte er durch die Hitze und den Geruch verbrannter Erde in der Luft eine Furcht, die Toidallah zwischen weglaufen und näher gehen hin und her riss.
Die Wolfsfrau wartete einen Augenblick, doch nichts geschah. Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen und trat aus dem Schutz des Waldes heraus. Noch immer tat sich nichts, nur der nicht enden wollende Rauch wurde vom Wind davon getragen.
Sie atmete tief ein und fragte mit leiser Stimme: „Gefallener Stern, was ist dein Schatten?“
Es folgte wieder Stille, in der ihre Worte Zeit hatten zu verklingen. Sie rechnete nicht damit eine Antwort zu bekommen, doch dann antwortete ihr eine raue Stimme: „Mein Schatten ist die Einsamkeit. Denn ich habe alles verloren, wofür es sich zu leben lohnt.“
„Einsamkeit?“, fragte Toidallah. Diese Worte klangen für sie nicht nach einem bösen Schatten, der nur Zerstörung im Sinn hatte. Nein, diese Worte klangen viel mehr tief traurig und hoffnungslos.
„Einsamkeit“, bestätigte der gefallene Stern.
„Bist du nicht ein Stern, der vom Himmel viel?“
„Ja, ich bin ein Stern, der für tausende von Monden am Himmel stand und auf diese Welt hinabblickte. Doch nun bin ich nichts mehr.“
Toidallah ließ die Traurigkeit zu sich und setzte ihr die Freude des Lebens entgegen, „Wie kannst du einsam sein, inmitten all der Sterne, die den Himmel bewohnen?“
„Ich bin einsam, weil die anderen so weit entfernt von mir sind. Zwar gibt es viele andere Sterne, doch sind sie nicht so nah, wie es scheint“, erklärte der gefallene Stern, „Außerdem verstehe ich sie nicht. Ihre Worte klingen so seltsam und haben keine Bedeutung für mich.“
Toidallah warf einen kurzen Blick hinauf zum Himmelszelt. Waren die Sterne wirklich so unterschiedlich? Sie sahen sich doch alle so ähnlich.
„Es ist schade, dass ihr euch nicht verstehen könnt. Ich bin mir sicher, ihr hättet euch viel zu sagen. Bist du deshalb vom Himmel gefallen? Weil dort niemand für dich war?“
„Ich bin herab gefallen, weil die Leere in mir größer geworden ist, als mein Herz es je war und weil meine Schatten mehr vernichten, als mein Licht je erschuf. Nun will ich hier liegen, bis das letzte Feuer in meinem Inneren verlischt und der letzte Gedanke der Einsamkeit verblasst. Dann werde ich endlich frei sein.“
Toidallah sah den gefallenen Stern aus großen Augen an und schüttelte betroffen den Kopf. Niemand sollte sich aus diesem Grund aufgeben.
„Aber wenn das letzte Feuer in dir erloschen ist, dann wirst du nicht mehr sein.“
„Lieber will ich nicht mehr sein, als länger in der unendlichen Einsamkeit zu wandeln.“
Die junge Wolfsfrau blickte den Felsen an und überlegte eine Weile. Niemals hätte sie gedacht, dass ein Stern einsam sein könnte, strahlten sie doch so hell und schienen noch zahlreicher als alle Tiere zusammen. Doch nun lag einer von ihnen vor ihr. Hatte sie zunächst nur Böses erwartet, so war sie nun überrascht, wie stark sie mit dem Stern fühlte. Sie wollte nicht, dass das Feuer in seinem Innern gänzlich starb.
„Du bist in diese Wälder gefallen, deren Lebewesen ich liebe und schütze. Ich gebe zu, ich hatte große Angst vor dir und deinen Flammen, als ich dich vom Himmel fallen sah, doch nun bitte ich dich: Lass das Feuer in dir nicht ganz verlöschen. Bleibe eine Weile hier und lerne die Wälder kennen. Ich kann dir zeigen, wie du mit den Bäumen und den Tieren sprichst. Ich bin mir sicher, dass du hier viele entdeckst, die sich gerne mit dir unterhalten.“
„Wer sollte mit mir reden wollen? Ich habe die Bäume umgeworfen und die Tiere verjagt. Sie werden mich fürchten und hassen.“
Die junge Frau nickte, „Ja, sie werden dich erst fürchten. Doch ich rede auch mit dir. Sei einfach nur du selbst und ehrlich zu den anderen, dann werden sie dich verstehen. Niemand sollte einsam sein.“

Es vergingen einige Augenblicke, in denen der gefallene Stern nachdachte.
„Aber ich bin ein Stern und solange ein Feuer in mir brennt, bin ich eine Gefahr für die Wälder. Berührt mich jemand, so wird er verbrennen.“
„Ich kann dir helfen, ein neues Leben zu finden“, Toidallah lächelte. Sie hob die Hände, fing mit ihnen das Mondlicht ein und trat auf den Stern zu.
„Nein! Bleib stehen! Komm nicht näher!“, rief der Stern, „Du wirst verbrennen!“
„Habe vertrauen“, sagte die junge Wolfsfrau und hielt ihre Hände über den glühenden Fels.
Der gefallene Stern vor ihr, zerfiel zu Staub, der von einem Windstoß davon getragen wurde. Zurück blieb eine Gestalt, die auf dem Boden kauerte. Toidallah blickte zu dem Mann, der langsam zu ihr aufblickte. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen.
„Wenn du mich begleiten willst, werde ich es versuchen“, der Mann ergriff die Hand der Frau.